"Tagesbericht. Der elektrische Fernseher. 
(Ein Besuch bei Herrn Jan Szczepanik.)", 
Neues Wiener Tagblatt

Wien, Donnerstag 17. März 1898, Nr. 75, Seite 3-4

Notice sur cet article 

English translation     

Notiz über Jan Szczepanik

    Als die staunende Welt durch das Telephon in die Ferne zu sprechen, aus der Ferne zu hören begann, da kamen nach einiger Zeit Leute die meinten, die Sache sei eigentlich sehr einfach und nur das eine erstaunlich daran, daß man sie erst jetzt erfunden. Im Grunde genommen ist´s ein Kinderspielzeug, sagten sie, denn Graham Bell - seither haben sich noch zwei Erfinder des Telephons gemeldet - hatte ja nur beobachtet, daß der Deckel eine Cylinderhutes, den Schallwellen trafen, in Schwingungen gerieth. Aus dem Cylinderhutdeckel wurde dann die seine, mit einem Elektromagneten verbundene Telephonmembrane - wirklich eine erstaunlich einfache Sache, ein elektromechanischer Witz, ein Kinderspielzeug. Es ist nicht ohne Interesse, an diese Dinge in einem Augenblicke zu erinnern, in welchem die wissenschaftlichen Kreise Wien´s sich mit einem Manne beschäftigen, dem durch Patente aller Culturstaaten bescheinigt wird, daß er einen elektrischen Fernseher erfunden habe, das heißt einen Apparat, der mit Hilfe der Elektricität das Sehen in die Ferne ermöglicht, in ganz anologer Weise, wie dies das Telephon für das Hören vermittelt. Denn auch von diesem Apparat wird man - und das wollen wir später auseinandersetzen - sagen können, er beruhe auf einem Kinderspielzeug. Vorläufig freilich hat in Wien, mit Ausnahme eines einzigen Vertrauensmannes, noch Niemand das Telektroskop, wie der Erfinder den Fernseher benennt, gesehen und Niemand an der Sache persönlich Unbetheiligter vermag es aus eigner Anschauung zu bekräftigen, daß die Vorrichtung thatsächlich das leistet, was ihr Erfinder behauptet. Aber ein großer Theil der laut gewordenen Zweifel wurde durch die Einzelheiten entkräftet, die nunmehr aus den schon erwähnten Patenten bekannt geworden sind. Die Details sind nämlich von solcher Art, daß Männer, die mit den zur Abgabe eines solchen Urtheils erforderlichen theoretischen und praktischen Kenntnissen vollauf ausgerüstet sind, ohne Anstand erklären, sie würden durchaus nicht erstaunt sein, gerade diesen Apparat wirklich in der versprochenen Weise functioniren zu sehen. Das ist vorläufig gewiß nur ein moralischer Erfolg, den Herr Jan Szczepanik - dies der Name des Erfinders - erzielt hat; binnen einiger Zeit aber will Herr Szczepanik, wie er neulich einem unserer Mitarbeiter erklärte, vor einem kleinen Kreise geladener Gäste, den thatsächlichen Beweis von der Stichhältigkeit aller seiner Angaben erbringen durch eine Reihe von Demonstrationen mit dem Telektroskop. Dieser Tag eines gelungen Beweises wird dann sicherlich in der Geschichte der Wissenschaft ein denkwürdiger werden und Herr Szczepanik wird seinen Namen mit Fug und Recht in die Reihe der berühmtesten Erfindernamen stellen dürfen.

    Es ist hier nicht der Platz, jenen verwickelten Complex von gelehrten Theorien und Hypothesen zu erörtern, auf Grund deren die wissenschaftliche Welt schon seit langem überzeugt war, daß auf optischem Gebiete ein Seitenstück zu Telephon möglich sei. Und es soll auch nicht näher auseinandergesetzt werden, warum sich die Theoretiker die Lösung des Problems abhängig dachten von einer näheren Erforschung des Zusammenhanges zwischen Licht und Elektricität, also alle an einen Weg dachten, dessen Betreten nach dem vorläufigen Stande der theoretischen Physik noch unmöglich scheint. Wir wollen vielmehr gleich hier sagen, daß Herr Szczepanik, wenn auch sein Telektroskop ein Beitrag zur Aufklärung jenes Zusammenhanges sein dürfte, diesen theoretischen Weg vermieden hat. Und nun sei wieder von einem Kinderspielzeug die Rede, und zwar von einem recht alten. Man findet das Spielzeug heute in den physikalischen Cabineten aller Bürger- und Mittelschulen, denn ihm verdankt die Optik schon manche schöne Entdeckung. So ist zum Beispiel auch der vielbewunderte Kinematograph im Grunde genommen nichts Anderes als ein raffinirtes "Lebensrad" so heißt dieses Kinderspielzeug und das Telektroskop wieder nichts Anderes als ein Kinematograph, der die eben aufgenommenen Bilder von Gegenständen sofort in die Ferne forttelegraphirt und zwar in den natürlichen Farben. Das "Lebensrad", "Zootrop" oder "Strobeskop" ist eine runde Schachtel ohne Deckel mit schießschartenähnlichen Oeffnungen am oberen Rande; die Schachtel ist auf einem Stativ drehbar montirt. Das Spiel ist folgendes: Man legt an die Innenwand der Schachtel einen Streifen, auf dem - sagen wir - ein Trupp Soldaten wiederholt abgebildet ist, und zwar jedes Bild eine andere Phase des Marschirens darstellend. Dreht man die Schachtel rasch herum und blickt dabei durch die Schießscharten, dann - marschiren die Soldaten. An dieser optischen Täuschung ist das menschliche Auge schuld, das durch einen Bruchtheil der Secunde - etwa 1/10 Secunde lang - einen Gegenstand noch weiter zu sehen vermeint, selbst wenn dieser Gegenstand in Wirklichkeit schon aus dem Gesichtsfelde verschwunden ist. Wird nun im Verlaufe von einer Zehntelsecunde ein Gegenstand durch einen zweiten ersetzt, der dem ersteren gleicht und nur eine veränderte Position zeigt, dann glaubt das Auge, jener erste Gegenstand habe sich bewegt. Von diesem Kinderspielzeug, das wohl Jeder aus seiner Schulzeit ebenso kennt, wie die Erklärung, ist auch das Prinzip des Telektroskops hergenommen. Einige Theoretiker nun, welche auf den Fernseher Jagd machten, haben eingesehen, daß eine Grundbedingung des elektrischen Fernsehens schon im "Lebensrad" stecke. So führt Professor Liesegang [1] in einer Arbeit "Beiträge zum Problem des elektrischen Fernsehens" [2] aus, daß es sich darum handelt, den Gegenstand, der in der Ferne gesehen werden soll, im Verlaufe von einer Zehntelsecunde in eine unendliche Anzahl von Lichtpunkten zu zerlegen: das Licht jedes dieser einzelnen Punkte müsse auf geeignetem Wege in die Ferne gesendet werden und dort wieder, in der genauen Reihenfolge der Zerlegung, vom Auge aufgenommen werden, und zwar wieder im Verlaufe von einer Zehntelsecunde. Wie macht man aber das Alles? Von den drei Erfordernissen: Zerlegung, Fortleitung, Wiederzusammensetzung war nur eines, und zwar in sehr unvollkommener Weise mit den bisher bekannten Mitteln möglich: die Fortleitung. Es gibt nämlich ein Metall, ein von Berzelius im Jahre 1817 entdecktes Element, das Selen [3], welches neben anderen merkwürdigen Eigenschaften auch die besitzt, daß Lichtverschiedenheiten - also Verschiedenheiten in Intensität und Farbe des auf Selen einwirkenden Lichtes - seinen Widerstand für elektrische Ströme ändern. Mit Hilfe des Selens kann man also schon lange verschiedenes Licht in verschiedener Weise elektrisch in die Ferne schicken. Aber das so in Elektricität umgewandelte Licht, blieb in der Ferne Elektricität, und das Einzige, was man erzielen konnte, war höchstens das Anzünden einer Glühlampe. Nun sagten die Theoretiker: "Hier ist eine Lücke unseres Wissen: wir haben zwar in der Glühlampe den von Licht beeinflußten Strom des Selens in Wärme umgestaltet: wir müssen aber einen Weg suchen, um die elektrischen Wellen in Lichtwellen zurückzuverwandeln. Außerdem aber müssen wir jene Zerlegung der Gegenstände in Lichtpunkte finden." Herr Szczepanik aber erklärt, daß er diese Zerlegung der Gegenstände in Lichtpunkte entdeckt habe, das erste der theoretischen Erfordernisse des Fernsehens; das zweite - die Fortleitung des Lichtes - war gelöst und Herr Szczepanik behauptet nur, daß er das widerspenstige Selen gezwungen habe, die Unvollkommenheit seiner elektrischen Wirkungen aufzugeben. Was aber das dritte Erforderniß, oder richtiger: die theoretische Basis des Erfordernisses, nämlich Verwandlung elektrischer Wellen in Lichtwellen betrifft, so erklärt Herr Szczepanik einfach, daß die Theorie sich geirrt hat, daß dies in praxi ebenso wenig nothwendig ist, als etwa das Erforderniß, das Telephon müsse die elektrischen Wellen in Schallwellen verwandeln. Es ist ja in der That beim Telephon die Membrane des Hörrohres eine ganz selbständige Schallquelle und die Elektricität dient nur dazu, diese Schallquelle zu denselben Schwingungen anzuregen, welche die Membrane im Sprechtrichter des anrufenden Telephons macht. Die theoretischen Voraussetzungen des Telektroskop des Herrn Szczepanik sind also: "Der zu "telektroskopirende" Gegenstand wird im Verlaufe von einer Zehntelsecunde in eine unendliche Zahl von Lichtpunkten zerlegt, von denen jeder nach Intensität und Farbe verschieden ist; diese Verschiedenheit der Lichtpunkte löst im Selen verschiedene Ströme aus; jeder Intensitäts- und Farbenverschiedenheit entspricht ein anderer Strom; die Ströme werden durch Drähte zu einer Vorrichtung geleitet, die unter dem Einflusse des Stromes eine in dem Aufnahmsapparate vorhandene selbständige Lichtquelle zwingt, das dem jeweiligen Strome entsprechende Licht zu geben; dieses Licht ist dann gleich dem Lichte, das den Strom ausgelöst hat; die aufeinanderfolgenden Lichteffecte der selbständigen Lichtquelle werden im Verlaufe einer Zehntelsecunde von einer dem Zerlegungsapparat gleichen Zusammensetzungsvorrichtung wieder gruppirt, genau so, wie sie es vor der Zerlegung waren; und sie kommen ins Auge des fernen Beobachters, der nun den "telektroskopirten" Gegenstand vor sich zu sehen vermeint". Man sieht, es ist ein langer Weg, den man, von einem Kinderspielzeug ausgehend, in der Physik machen kann: und was hier für das Telektroskop in einer sehr fragmentarischen analytischen Weise geschehen ist, läßt sich auch für das "Kinderspielzeug", Telephon genannt, ganz analog ausführen. Und nun die theoretischen Vorbedingungen dargelegt sind, können wir ohne Weiteres das Telektroskop des Herrn Szczepanik beschreiben.

    Beim Studium der oben erwähnten Arbeit von Professor Liesegang hatte Herr Szczepanik, der seit Jugend schon sich mit physikalischen Arbeiten jeder Art befaßt, den Einfall, sich zu fragen, ob es nicht möglich wäre, mit Hilfe eines schwingenden Spiegels Gegenstände in Lichtpunkte und Lichtlinien zu zerlegen. Diesen Versuch machte er - und der Versuch glückte. Jedermann - führt Herr Szczepanik aus kann das Experiment wiederholen: wird ein Spiegel in oscillirende Bewegung um eine Achse versetzt, dann verziehen sich die Punkte, die darin sich spiegeln zu Linien, die Linien werden zu Flächen. Dasselbe geschieht an den Spiegelbildern von Gegenständen am Ufer eines Sees, wenn sich das Wasser zu regen beginnt. Das ist theoretisch gesprochen ein Zerlegen in Lichtpunkte. Daß es so ist, beweist Herr Szczepanik durch die Photographie; er photographiert den Gegenstand nach dem Bilde im schwingenden Spiegel und erhält auf der Platte kein Bild des Gegenstandes, sondern ein ganzes Netz von schwarzen Linien, also die photographischen Bilder einer unendlichen Reihe von Lichtpunkten; dauert die Exposition längere Zeit, dann wird das Netz so dicht, daß die Platte vollständig geschwärzt wird. Erleiden die Schwingungen des Spiegels eine Störung ihrer Regelmäßigkeit, so wird diese auf der Platte durch eine Knickung der Linien ersichtlich. Der Aufnahmsapparat des Telektroskops - dem Aeußeren nach ist es ein größerer Telephonkasten mit einem Spalt vorne, vor den man das Object stellt - fängt also das Bild des zu telektroskopirenden Gegenstandes in einem regelmäßig oscillirenden Spiegel auf. Ein zweiter vollständig in den gleichen Zeiten - synchronisch - schwingender Spiegel wirft die Lichtstrahlen, also das bereits zerlegte Bild, auf ein Selenzellensystem von ingeniöser Construction. Herr Szczepanik verwendet nämlich nicht blos ein eigenes, nach vielen Studien hergestelltes sehr empfindliches Selenpräparat, sondern auch eine Vorrichtung, durch welche die Eigenschaft jedes Metalls, die Elektricität bis zu einem gewissen Grade durch längere Zeit festzuhalten, paralysirt wird. Die vom Lichte beeinflußten, die Selenzellen passirenden elektrischen Ströme werden auf einer Drahtleitung zum Empfangsapparat geführt. Hier umkreisen sie einen Elektromagnet, der nun genau dieselben Dienste leistet, wie der Elektromagnet im Hörrohre eines Telephons. Bekanntlich wird in diesem Hörrohre die Membrane vom Elektromagnet angezogen und wieder freigegeben, wobei eben die Schwingungen der Membrane im Sprechapparat reproducirt werden. An dem Anker des Elektromagnets im Telektroskop ist nun ein rotirendes Glasprisma angebracht. In dem Momente, in welchem ein Strom von bestimmten Eigenschaften den Elektromagnet umkreist, bleibt diese Prisma in einer bestimmten Stellung stehen. Jeder Stromverschiedenheit entspricht eine Verschiedenheit, wenn auch minimalster Art in der Stellung des Prismas. Dieses Moment ist nun von der größten Wichtigkeit, denn es ist klar, daß, wenn in dem Augenblicke eines solchen Stillstandes des Prismas von einem constanten Punkte aus ein Lichtstrahl auf das Prisma fällt, dieses Licht je nach der Stellung des Prismas anders gebrochen wird, also auch die einzelnen Partien des so hervorgerufenen Spectrums auf eine andere Stelle des Apparates fallen. Herr Szczepanik behauptet nun zweierlei: Erstens: Diese Verschiebung des Spectrums entspricht stets genau dem den Elektromagnet umkreisenden Strom. Zweitens: Das Telektroskop ist derart construirt, daß genau jene Partie des Spectrums, welche dem gerade im Aufnahmsapparat aufgefangenen Lichte entspricht, auf eine bestimmte Stelle des Telektroskops fällt. Mit anderen Worten: Herr Szczepanik behauptet, daß er die durch Lichtvarietäten hervorgerufenen elektrischen Stromvarietäten dazu benützt, um aus einer zweiten Lichtquelle - es dient als solche eine Glühlampe im Empfangsapparat des Telektroskops - die analogen Lichtvarietäten an einer beliebig entfernten Stelle herauszuisoliren. An jener Stelle des Telektroskops, auf welche die von Herrn Szczepanik gewünschte Partie des Spectrums, also jeweils nach Farbe und auch nach Intensität verschiedene Lichtstrahlen fallen, befindet sich ein Spalt. Durch diesen gelangt das Licht auf einen oscillirenden Spiegel, wird auf einen zweiten synchronisch schwingenden Spiegel geworfen und kommt nun ins Auge des Beobachters, der vor dem Empfangsapparat des Telektroskops steht. Die beiden Spiegel im Empfangsapparate oscilliren aber, auf Grund der Wirkung von Elektromagneten, auf denen ihre Achsen als Anker montirt sind, vollständig synchronisch mit dem Spiegelpaar der Aufnahmsstation, und wie nun das erste Spiegelpaar die Zerlegung des Bildes besorgte, so bewirkt nach Behauptung von Herrn Szczepanik das zweite Paar dessen Zusammensetzung. Die Lichtpunkte treffen in der Reihenfolge ihrer Aufnahme durch die Spiegel und in der Zeitgrenze von einer Zehntelsekunde das Auge des Beobachters und dieser hat nun dieselbe Illusion wie beim "Lebensrad" - er sieht ein Bild des fernen Gegenstandes.

    Wir haben - so weit dies ohne stricte wissenschaftliche Auseinandersetzungen und ohne eine Zeichnung möglich ist - die Grundsätze, auf denen Herr Szczepanik seinen Apparat aufbaut, mitgetheilt und den Apparat selbst in seinen Haupttheilen beschrieben. Wir betonen noch einmal: Kein Unbetheiligter hat den Apparat gesehen, aber Niemand wird ernste theoretische Einwendungen machen. In praxi steht die Sache allerdings in Discussion. Es muß nämlich auf dem Wege exacter Experimente bewiesen werden: Schwingende Spiegel besorgen thatsächlich die von Professor Liesegang als nothwendig bezeichnete Zerlegung von Bildern in Lichtpunkte und Linien in der Weise, wie es Herr Szczepanik behauptet; dieselbe Vorrichtung reproducirt diese Lichtpunkte und Linien thatsächlich in der Weise, daß eine optische Täuschung, das Entstehen eines in der Optik sogenannten imaginären Bildes möglich ist; die das Selen passirenden Ströme bieten thatsächlich solche Varietäten je nach den Lichtvarietäten, daß nach Belieben aus einer zweiten Lichtquelle jenes Licht herausisolirt werden kann, das dem gerade auf das Selen wirkende Licht mit allen seinen Varietäten gleicht. Wie man sieht gibt es hier Discussionsstoff genug. Es sind dies aber Dinge, die man theoretisch nicht beweisen kann, neue naturwissenschaftliche Thatsachen, für deren Richtigkeit nur das Experiment bürgt. Herr Szczepanik hat sich vorbehalten, dieses so wichtige Experiment, wie schon erwähnt, in einiger Zeit vor geladenen Gästen zu machen. Vorläufig führt er zur Unterstützung seiner Behauptungen eine Anzahl von allerdings wichtigen Thatsachen an, zunächst die, daß ihm auch das deutsche Reichspatentamt ein Patent auf den Fernseher ertheilt hat. Diese Behörde prüft nämlich durch sachverständige Gelehrte von Weltruf die ihr vorgelegten Patentbegehren nach allen möglichen Richtungen und ist bei Ertheilung der Patente sehr rigoros. Die zweite Thatsache ist, daß ein französisches Syndicat das Telektroskop bereits zur ersten öffentlichen Vorführung und Exploitirung während der Pariser Weltausstellung 1900 erworben hat und alle Kosten, alle auch den Bau eines 10 000 Zuschauer fassenden Pavillons selbst tragen wird. In diesem Pavillon sollen unter Anderem die Besucher die französischen Land- und Seemanöver sehen, und zwar in demselben Augenblicke, in dem, hunderte von Kilometern entfernt, diese Manöver stattfinden. Das Syndicat rechnet auf sechs Millionen Besucher à 3 Francs; davon soll Herr Szczepanik 60 Percent bekommen. Schließlich aber zeigt Herr Szczepanik ganze Stöße von Patenten über eine große Zahl von Erfindungen, deren einige, trotz des Widerspruches, trotz der Einwände, die man ursprünglich gegen sie erhob, bereits praktisch ausgenützt werden. Darunter befinden sich, wie Herr Szczepanik durch unwiderlegliche Belege nachweist, auch auf dem Gebiete der Optik Erfindungen, die auf bisher unbekannten naturwissenschaftlichen Thatsachen basiren, auf Thatsachen sogar, deren Möglichkeit von ausgezeichneten Theoretikern direct bestritten worden war. Und als die betreffenden Apparate - Herr Szczepanik benützt sie in der Textilindustrie - in primitivster Form gebaut waren, da mußten die Theoretiker, wie seinerzeit auch beim Schwarz´schen Aluminiumluftschiff erklären, daß sie sich geirrt hätten. Wir werden vielleicht noch Gelegenheit haben, über diese anderen Erfindungen des ehemaligen galizischen Dorfschullehrers - dies war Herr Szczepanik - zu sprechen, und ebenso über die mannigfachen Verbesserungen, die er seither am Telektroskop vorgenommen.

Bemerkungen von Klaus Beneke

[1] Raphael Eduard Liesegang (1869 - 1947) war beim Erscheinen des Buches 22 Jahre alt und Student der Naturwissenschaften in Freiburg im Breisgau. Liesegang hat nie promoviert und war auch nie Professor. Akademische Titel hat er für sich selbst abgelehnt, da er meinte damit ein Überlegenheitsgefühl gegen andere zu schaffen. Bei ihm zählte die Leistung des Anderen und nicht der Titel. Als er 1918 den Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der Universität Gießen (Dr. phil. h. c.) und 1929 den der Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt a. Main (Dr. med. h. c.) erhalten sollte, mußten Freunde ihn drängen, diese anzunehmen, was er schließlich, beinahe widerwillig, auch tat. Diese Titel hat er nie in seinen Briefköpfen und Absendern verwendet und wollte damit auch nicht angesprochen werden.

[2] R. E. Liesegang (1891) Beiträge zum Problem des electrischen Fernsehens. (Probleme der Gegenwart, Band 1). Liesegang Verlag, Düsseldorf, 130 Seiten.

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Jöns Jakob Berzelius

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Jöns Jakob Berzelius

[3] Jöns Jakob Freiherr von Berzelius (1779 - 1848), einer der herausragendsten Chemiker der Neuzeit, isolierte 1817 das Element Selen (Se) aus dem rotbraunen Bodensatz aus den Bleikammern einer Schwefelsäurefabrik in Gripsholm (Schweden). Es wurde nach griech.: selene = Mond als Selen bezeichnet, um die nahe Verwandtschaft mit dem 1798 entdeckten Element Tellur (lat.: tellus = Erde) anzudeuten. Dabei konnte Berzelius aufzeigen, daß Tellur ein guter Leiter der Elektrizität war und Selen Elektrizität nicht leitete. Die Untersuchungen von Berzelius über dieses Element waren so umfangreich, daß Jahrzehnte nichts Neues über das Selen berichtet wurde. Knox berichtete 1837, daß Selen den elektrischen Strom leitet, wenn man es schmilzt. Johann Wilhelm Hittorf (1824 - 1914), Privatdozent der Physik und Chemie an der Universität Münster, beobachtete 1851 die Fähigkeit des schiefergrauen Selens, daß dieses den Strom leitet, wobei dessen Widerstand noch sehr beträchtlich war.

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Johann Wilhelm Hittorf (1824 - 1914)

    Letzteren Umstand wollte Willoughby Smith 1873 nutzen, indem er Selen als Widerstand bei der Meßmethode während der Verlegung von unterseeischen Kabeln einsetzte. Dazu erwies sich Selen jedoch als unbrauchbar, als May ein Gehilfe von Smith entdeckte, daß sich der Widerstand des Selens mit der Beleuchtung änderte. Die Entdeckung drückte Smith recht treffend aus, indem er sagte:

    "Mit Hilfe eines Mikrophons kann man das Laufen einer Fliege so laut hören, dass es dem Trampeln eines Pferdes auf einer hölzernen Treppe gleichkommt; aber noch viel wunderbarer ist es meiner Meinung nach, dass ich mit Hilfe des Telephons einen Lichtstrahl auf eine Metallplatte fallen hörte."

    Selen kommt in drei Modifikationen vor, wobei nur das graue metallische Selen einen ausgeprägten inneren Photoeffekt zeigt. Sale untersuchte 1874 diese interessante Eigenschaft des Selens, andere Physiker schlossen sich einer genaueren Untersuchung an. Dabei wurde festgestellt, daß Selen den elektrischen Strom 2 bis 10 mal besser leitet wenn es beleuchtet wurde, als wenn es sich im Dunkeln befand. Man versuchte den Leitungsquerschnitt zu vergrößern, um den Leitungswiderstand des Selens herabzusetzen, damit man besser damit experimentieren konnte. Dieses wiederum führte zur Konstruktion der Selenzellen, die erstmals 1875 von Werner Siemens (1816 - 1892) hergestellt wurden. Dabei wurde der Zwischenraum zwischen zwei kleinen flachen Platindrahtspiralen mit geschmolzenen glasigen Selen ausgefüllt. Dieses Selenpräparat wurde zwischen zwei 0.7 mm voneinander abstehende Glimmerplättchen eingebracht und danach in einem Paraffinbad einige Stunden bei 210 °C getempert und langsam abgekühlt. Die Messungen der Zellen ergab, daß der Widerstand auf 1/15 des Dunkelwiderstandes zurückging.

    Graham Alexander Bell (1847 - 1922) und Sumner Tainter setzten Selenzellen 1880 erstmals bei ihrem Photophon ein. Die Selenzellen von Bell waren flach und bestanden aus zwei Kupfer- und Messingplatten, die mit zahlreichen Löchern versehen waren. In die Löcher der einen Platte wurden konische Messingstifte eingesetzt, die in die Löcher der anderen Platte hereinragten, ohne die Platte jedoch zu berühren. Beide Platten wurden durch dazwischen gelegte Glimmerplatten von einander isoliert. Dann wurde auf die obere Lochplatte eine dünne Schicht Selen aufgetragen. Dies erreichte man dadurch, indem man mit einer heißen Selenstange über die Löcher der Platte hinwegfuhr, wobei sich das Selen in die Zwischenräume der Löcher und Stifte drückte. Danach wurde die Zelle langsam erhitzt, bis das Selen anfing zu schmelzen und in die kristalline, schiefergraue Modifikation überging. Diese Selenzellen von Bell hatten einen Widerstand von etwa 300 W , der im Licht auf etwa die Hälfte fiel.

    Heute weiß man, daß die Leitfähigkeit des Selens bei Belichtung auf das etwa Tausendfache zunimmt, was durch Lockerung bzw. Abspaltung von Elektronen hervorgerufen wird, wobei bei nachfolgender Verdunklung die Leitfähigkeit des Selens wieder auf den ursprünglichen Betrag zurückgeht.

Literatur

Berzelius J J (1818) Afhandl Fys Kem Mineral 6: 42 ff

Berzelius J J (1818) Ann Physik, 1. Folge 59: 229 ff

 

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Histoire de la télévision      © André Lange
Dernière mise à jour : 28 janvier 2002