"Der Fernseher (Telelektroskop)",
Die Reichswehr, Nr. 1466, 
Wien, Mittwoch 9. März 1898, Seite 5

Notice

Traduction en anglais 

(Eigenbericht der "Reichswehr") (Nachdruck verboten.)"

[Beschriftung in den Zeichnungen]

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"Ansicht eines Spiegels. (c = Schwingungsaxe, a = spiegelnde Linie, b = Anker des Elektromagneten.)

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Graphische Darstellung der Zerlegung des Bildes in die Punktfolgen. Die in Figur IV eingezeichnete Zickzacklinie K ist das telelektroskopirte Bild"

[Text]

    "Facta, non verba!

    Das obenstehende Schema zeigt die Einrichtung des elektrischen Fernsehers, welchen Jan Szczepanik erfunden hat. Die Uebermittlung dieser Zeichnung danken wir der Güte des Mäcens dieses Technikers, Herrn Ludwig Kleinberg in Wien.

    Wer die Zeichnung im Zusammenhang mit dem knappen Text, den wir dazu schrieben, betrachtet, wird zu dem Schlusse gelangen, auf den es uns ankommt.[, ] daß es möglich ist, mit dem "Fernseher" optische Phänomene auf Distanzen zu übertragen.

    Die Erfindung Szczepanik´s ist groß, sie ist witzig und tief.

    Es sei insbesondere das hervorgehoben, was an ihr die Bewunderung des Logikers erregt: 1. Das Princip, daß ein Bild zu Zwecken der Uebertragung in eine Reihe von Punkten aufgelöst wird, die in unendlicher Folge auf einer Platte auftreten, welche die Fähigkeit hat, Lichtverschiedenheiten in elektrische Stromverschiedenheiten umzusetzen. 2. d[D]er Calcul, welcher die mangelhafte Einrichtung des menschlichen Auges berücksichtigt, welches die in den Contouren einer Figur rasch aufeinanderfolgenden Lichtpunkte als die Figur ansieht.

    Zum Verständnisse der Funktion des Fernsehens ist außer der Kenntniß der allgemeinen Lehrsätze aus der Physik noch zu wissen nothwendig:

    a) Treffen optische Reize das menschliche Auge in Intervallen, die kleiner sind als 1/10 Secunde, so vermag das Auge diese Reize nicht von einander zu trennen, sondern sieht sie für einen continuirlich wirkenden Reiz an,

    b) dem Selen wohnt die Eigenthümlichkeit inne, daß sein elektrisches Leitungsvermögen von dem Grade seiner Beleuchtung abhängt.

    G ist der Gegenstand, dessen Bild zu übertragen ist. Er befindet sich vor einer schmalen, zwischen den Schirmen v und v1 belassenen Spalte des Aufnahmsapparates (A), hinter welcher ein linienförmiger Spiegel a um die Axe c wie der Hebel eines Morseapparates zu dem Elektromagneten E schwingt. Die von G auf diese Spiegellinie auffallenden Strahlen werden nach einem zweiten zu dem ersten senkrecht stehenden Linienspiegel a reflectirt. Beide Spiegel, welche auf Anker von Elektromagneten desselben Stromkreises montirt sind, schwingen synchron. Das vom ersten Spiegel aufgenommene Streifenbild des Gegenstandes zerlegt sich im zweiten Spiegel in eine Folge von Lichtpunkten, welche auf eine Selenzelle (S) reflectirt wird. Das solchergestalt beleuchtete Selenstück verändert nach Intensität und Farbe des auftreffenden Lichtes seine Stromleitungsfähigkeit.

    Der durch diese Selenzelle S gesendete Strom der Batterie B wird nach der Folge der auftretenden Lichtverschiedenheiten in eine Folge von Stromverschiedenheiten umgesetzt, welche als Linsenstrom die Leitung L nach dem Empfangsapparate (A¹) hin durchfließt. Im Empfangsapparat umspült dieser Strom den Elektromagneten E², auf dessen Anker ein Prisma (p), derart montirt ist, daß es in Folge der Wechselwirkung des Elektromagneten und einer Feder um seine Längsachse rotirt. Ein Lichtstrahl, der vom diffusen Tageslicht durch den Spalt O²  oder von der Glühlampe i durch das Prisma (p) auffällt, wird durch das Prisma farbig zerlegt. Das über der Oeffnung O¹ spielende Farbenspectrum wird je nach der Intensität der Erregung des Elektromagneten E² eine andere Farbe durch die Oeffnung O¹ treten lassen. Es fällt, je nach der augenblicklichen Stellung des rotirenden Prismas durch den Spalt o¹ ein farbiger Strahl auf die Linienspiegel a der Empfangsstation, welche in gleicher Weise angeordnet ist wie in der Aufnahmestation und mit diesen durch die Wirkung der Elektromagnete E und E¹ (welche durch die Batterien B¹ und B² erregt werden) synchron schwingen. Der durch diese Spiegel reflectirte, aus dem Prisma austretende Lichtstrahl gelangt durch den zwischen den Blenden v und v1 liegenden Spalt in das Auge des Beschauers, beziehungsweise auf die matte Platte G1. Die Lichtpunkte treffen in Intervallen, die unter 1/10 Secunde groß sind, auf. Da das Auge so kurz auf einander folgende Reize nicht zu trennen vermag, so empfindet es (wie beim Stroposkop) die Folge dieser Lichtpunkte als zusammenhängendes Gebilde. Bewegt sich der Gegenstand, so ist der physiologische Vorgang im Auge des Beschauers identisch mit dem, welchen der Anblick des Kinematographen verursacht.

    Durch die geeignete Application von Objectiven vor der Spalte A kann man beliebig große Objecte, also auch, wie wir in unserem ersten Artikel behaupteten, Manöverbilder aufnehmen und mit Hilfe von Linsensystemen vor A¹ als virtuelle Bilder projiciren oder photographiren.

    Es soll nicht verhehlt werden, daß der Erfindung Szczepanik´s noch einige Mängel innewohnen. Ein Mangel, der darin bestand, daß man drei kostspielige Leitungen legen mußte, ist bereits behoben. Bei den Vorführungen in der Pariser Weltausstellung 1900 wird nur mehr eine Leitung nothwendig sein. Ein Mangel ist die Zitterbewegung des Bildes, wie sie beim Kinematographen sich zeigt; ein dritter der, daß die Farben, in denen man das Bild sieht, nicht ganz klar sind. Man bedenke aber, wie gering diese Mängel in Ansehung der Größe des Unternehmens und der Feinheit der Lösung sind. Man denke, daß diese Idee genau wie jede andere große Idee in ihrer Größe die Entwicklungsfähigkeit birgt.

    Es wäre noch von der Bedeutung der Erfindung zu sprechen. Daß es einem Physiker nicht darauf ankommen kann, die Schaulust des Publicums zu befriedigen, ist klar. Kleinberg, welcher den Arbeiten Szczepanik´s die practische Gestalt gibt, erblickt in dem Telelektroskop das Aequivalent für Telegraphie und Telephonie. Er will die Erfindung so ausgestalten helfen, daß sie dem brieflichen Verkehre unmittelbar dient.

     Wie dem auch sei, das Prophezeien ist müssig. Es muß Freude in uns erwecken, daß ein Oesterreicher das Räthsel löste, welches zu lösen die Denker anderer Nationen sich vergeblich bemühten.

    Der Fernseher wurde, ehe er der Centralcommission der Pariser Weltausstellung vorgeführt wurde, von dem bekannten Architekten Habrich in Hagen vor geladenen Gästen demonstrirt. Augenzeugen berichteten uns, daß die Uebertragung der Bilder mit Hilfe des Fernsehers in vollendeter Weise gelang. Das sind facta, non verba."

 

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Histoire de la télévision      © André Lange
Dernière mise à jour : 28 janvier 2002